Kraniofaziale Orthopädie

Was unterscheidet die Kraniofaziale Orthopädie von

anderen Konzepten der CMD-Behandlung?

Die Kraniofaziale Orthopädie (Kopf-Gesichtsorthopädie) ist ein interdisziplinäres Konzept zur Diagnostik und Therapie von Patienten mit Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb (CMD-Syndrom) und außerhalb des Kraniomandibulären Systems.

Ursprünglich bedeutet die Abkürzung CMD im Englischen craniomandibular disorders (kraniomandibuläre Störungen). Um dieses Kürzel beizubehalten, wurde der Begriff im Deutschen mit Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD)

übersetzt. Dass es sich dabei um Befunde und nicht um eine Erkrankung bzw. Symptome (Schmerzen) handelt, wurde geflissentlich übersehen. Die Verwirrung könnte noch zunehmen, wenn man erkennen würde, dass mit dem

Begriff Craniomandibuläre Dysfunktionen vor allem Okklusionsstörungen gemeint sind. Dies sind allerdings keine Funktionsstörungen (Dysfunktionen), sondern Formstörungen. Egal: Form und Funktion eines biologischen Systems lassen sich sowieso nicht voneinander trennen. Deshalb gehen Formstörungen

immer mit Funktionsstörungen einher und umgekehrt. Es geht also um Form und Funktionsstörungen des Kraniomandibulären Systems (craniomandibular disorders) – und zwar nur um solche, die Muskel- und Gelenkschmerzen

innerhalb und außerhalb des Kausystems verursachen.

 

Tatsächlich kommen die Patienten mit Kopf- und Gesichtsschmerzen, Nacken-Hals-Schulter-Schmerzen, Rückenschmerzen, Tinnitus und Schwindel zu Zahnärzten und Kieferorthopäden und fragen: „Hat dies etwas mit meinem Biss zu tun?“ Diese Frage ist berechtigt. Aus zwei Gründen:

  1. Der neurophysiologische Grund: Afferente Reize aus dem Zahnhalteapparat, den Kaumuskeln und den Kapseln der Kiefergelenke werden durch den Nervus trigeminus und anschließende trigeminozerebellare Projektionen ans Kleinhirn weitergeleitet und gehen dort in die Gleichgewichtsregulation des Körpers im Schwerkraftfeld der Erde ein. Das Ergebnis der Gleichgewichtsregulation ist die Körperhaltung [2]. Form- und Funktionsstörungen der Okklusion, der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke können sich auf diesen neurophysiologischen Wegen belastend auf die Körperhaltung auswirken. Körperfehlhaltungen ihrerseits bedeuten muskuläre Dysbalancen und Hypertonien, die Muskel- und Gelenkschmerzen auslösen können.

  2. Der mechanische Grund: Beim Bruxismus (dieser Begriff bezeichnet das Phänomen der Aktivierung der Kaumuskulatur bei aggressiven emotiven Verhaltensmustern, was sich in Knirschen und Pressen mit den Zähnen äußert) werden durch die Kaumuskulatur außergewöhnlich hohe Kräfte freigesetzt: 200 bis 300 kp sind bei nächtlichem Zähneknirschen gemessen worden [3]. Solch hohe Kräfte kommen im Leben eines Menschen sonst nicht vor. Diese enormen Kräfte belasten nicht nur die lokalen, sondern auch die benachbarten Muskel- und Gelenkstrukturen im Kopf-, Hals-, Nacken-, Schulter-Arm- und Rückenbereich und können dort zu Muskel- und Gelenkschmerzen führen.

In der rein zahnärztlichen CMD-Diagnostik werden bei solchen Patienten unter großem Aufwand mittels symptombezogener Anamnese, klinischer (manueller) und instrumenteller Funktionsanalysen ausführliche lokale (das Kausystem betreffende) Befunde erhoben. Diese führen zu deskriptiven

Diagnosen wie:

  • Craniomandibuläre Dysfunktion,

  • Myopathie,

  • Arthropathie,

  • Myoarthropathie,

  • aktivierte Arthrose,

  • Capsulitis,

  • myofaszialer Schmerz

  • u.ä.

Alle diese Diagnosen münden praktisch immer in dieselbe Maßnahme: eine Aufbiss-Schiene (welcher Art auch immer). Der enorme (auch finanzielle) Aufwand an Befunderhebung führt zu relativ unspezifischen, deskriptiven Diagnosen und schließlich zur Schienentherapie. Als Weiterentwicklung

dieser rein zahnärztlichen Vorgehensweise sind moderne CMD-Konzepte zu verstehen, die vertiefende interdisziplinäre Untersuchungen und Behandlungen bei Physiotherapeuten, Osteopathen, Orthopäden und Psychologen vorschlagen bzw. durchführen lassen. Auch diese Konzepte sind mit einem großen (finanziellen) Aufwand verbunden. Bei Versagen der

zahnärztlichen Behandlung wird der Patient mit (meist nichtssagenden) Diagnosen entlassen, wie atypischer Gesichtsschmerz, somatoformer Gesichtsschmerz oder idiopathische Trigeminusneuralgie.

In der Kraniofazialen Orthopädie orientieren wir uns von vorne herein an der Differenzierung von Schmerzmechanismen entsprechend der modernen Schmerzphysiologie bzw. Schmerzmedizin. Wir unterscheiden:

  • nozizeptive,

  • neuropathische und

  • psychogene (somatoforme) Schmerzen.

Bei Verdacht auf neuropathische bzw. psychogene Schmerzmechanismen wird eine zahnärztliche Diagnostik und Therapie abgelehnt und stattdessen eine schmerzmedizinische bzw. psychologische Untersuchung und Therapie angeraten.

Die ausführliche Anamnese dient in der Kraniofazialen Orthopädie darüber hinaus der Identifizierung von belastenden Lebensbedingungen, wie Stress, Ernährungsfehler, Bewegungsmangel usw. Dem Patienten wird von Anfang an deutlich gemacht, dass diesbezüglich seine Eigenverantwortung und Eigeninitiative gefordert werden und unerlässlich sind. Dies gilt vor allem in Bezug auf einen angemessenen Umgang mit Stress, den der Patient in einem Stress-Management-Training lernen muss.

Die klinisch-zahnärztliche Untersuchung wird in der Kraniofazialen Orthopädie nur oberflächlich im Sinne einer Klinischen Form- und Funktionsanalyse durchgeführt. Es geht lediglich darum, schnell und sicher das Vorliegen und die Ausprägung von Form- und Funktionsstörungen festzustellen bzw. einzuschätzen. Besonders wichtig sind uns dabei Bruxismuszeichen: Schliff-Facetten, Zahneindrücke in Zunge

und Wange, Druckempfindlichkeit und Verspannungen/Verhärtungen der Kaumuskulatur.

Jig-Schiene

In der Posturalneurologischen Grunduntersuchung werden Tests durchgeführt und Befunde erhoben, die folgende Fragen beantworten:

  • Braucht der Patient eine Jig-Schiene zur Tonusminderung der Kauund Nackenmuskulatur?

  • Braucht der Patient zusätzlich zur Jig-Schiene eine Stabilisierungsschiene zur Verbesserung des propriozeptiven Inputs aus dem Trigeminusbereich?

  • Braucht der Patient aufgrund von belastendem propriozeptiven Input aus den Augenmuskeln eine vertiefende Untersuchung beim Optometriker?

  • Braucht der Patient aufgrund von belastendem propriozeptiven Input aus der Fußgewölbsmuskulatur eine vertiefende Untersuchung beim Orthopäden oder Podoätiologen?

 

Mit Hilfe einer Jig-Schiene kann der Tonus der Kau- und Nackenmuskulatur deutlich gemindert werden, weil durch diese Schiene Zähneknirschen und -pressen mit hohen Kräften vermieden werden. Die Jig-Schiene ist eine Oberkieferschiene, die auf Höhe der Schneidekante der oberen mittleren Schneidezähne und in der Kauebene einen Kunststofftisch (Jig) aufweist, auf dem nur die unteren Schneidezähne Kontakt haben. Alle anderen Zähne haben keinen Kontakt. Zur Verhinderung hoher Kräfte beim Knirschen und Pressen nutzt die Jig-Schiene ein neurophysiologisches Phänomen: Sobald der Nervus trigeminus spürt, dass nur die unteren Frontzähne Kontakt haben, erniedrigt er unmittelbar den Tonus der Kaumuskulatur auf eine Kraftentfaltung von 1 bis 3 kp. Höhere Kräfte sind nicht notwendig, um mit den unteren Frontzähnen von einem Apfel oder einem Stück Brot abzubeißen. Über die Verschaltungen des Nervus trigeminus mit den oberen HWS-Segmenten und dem Nervus accesorius wird auch der Tonus der Nackenmuskulatur verringert.

Nur mit einer Jig-Schiene können hohe Kräfte beim Knirschen und Pressen und damit Belastungen der Zähne, des Zahnhalteapparats, der Kaumuskulatur, der Kiefergelenke, der Schädelbasis, der Hals-Nacken-Muskulatur und der Halswirbelsäule vermieden werden. In unserem Patientengut verbessern sich durch das nächtliche Tragen einer Jig-Schiene knapp über 90% der Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des Kausystems. Osteopathische und physiotherapeutische Behandlungserfolge können bei diesen Patienten stabil bleiben, weil die enormen Kraftbelastungen des Bruxismus verhindert werden.

Indikationen für eine Jig-Schiene

  • Kopf- und Gesichtsschmerzen

  • Migräne

  • Nacken-Schulter-Arm-Schmerzen (HWS-Syndrom)

  • Rückenschmerzen

  • Tinnitus und Schwindel

  • Bei Spannungskopfschmerzen und Migräne wird die Jig-Schiene sogar als Mittel der Wahl angesehen.

Die wichtigsten Unterschiede zwischen der Kraniofazialen Orthopädie und

CMD-Behandlungskonzepten sind

  • die Posturalneurologische Grunduntersuchung (einschließlich proriozeptiven Test der Augenmuskeln und Fußgewölbsmuskeln),

  • die Differenzierung von neurophysiologischen Schmerzmechanismen (nozizeptive, neuropathische und psychogene Schmerzen) und der Verzicht auf eine deskriptive Diagnose,

  • dafür die Dokumentation von belastenden Lebensbedingungen, Befunden und Symptomen auf einer Problemliste mit entsprechender interdisziplinären Behandlungsplanung,

  • die routinemäßige Anwendung der Jig-Schiene zur Vermeidung hoher Kräfte beim Bruxismus,

  • die Priorisierung belastender Lebensbedingungen vor Befunden und Symptomen im Sinne der Systemischen Medizin und die entsprechende Betonung der Eigenverantwortung und Eigeninitiative des Patienten,

  • die Einbeziehung optometrischer und orthopädischer bzw. podoätiologischer Untersuchungen und Behandlungen im interdisziplinären Netzwerk,

  • das longitudinale, prospektive wissenschaftliche Qualitätsmanagement und

  • die Betonung der Patientenführung.

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